| - Rudolf Borchardt (1877-1945) studierte klassische Philologie in Berlin, Bonn und Göttingen und lebte seit 1903 in der Toskana. Zwei Begegnungen entschieden sein Gesamtwerk: 1897 die halb zufällige Lektüre von Herders »Ältester Urkunde des Menschengeschlechts« (Riga 1774/76) und im Jahr darauf das Erlebnis Hofmannsthals und Stefan Georges. Seine Mitarbeit an der Zeitschrift »Insel« führte 1901 zu Lebensfreundschaften mit Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder. Gemeinsam mit ihnen beteiligte er sich 1913 an der Gründung der »Bremer Presse« und gehörte seit 1930 zum Beiträgerkreis um die »Corona«. Gedichte, Dramen, erzählende und autobiographische Prosa, historische Essays, Reden und Polemiken hat Borchardt publiziert oder ungedruckt hinterlassen; sein ausgebreitetes übersetzerisches Werk umspannt die großen Namen abendländischer Kultur: Homerische Hymnen, Pindar und Platon, Horaz und Tacitus, die provenzalischen Trobadors sowie englische Dichter des 19. Jahrhunderts, lyrische Übertragungen zumeist, die sich um den erratischen Block seiner Eindeutschung der »Divina Commedia« gruppieren.
- Einzigartig verbinden, durchdringen und steigern sich bei Borchardt philologisches und poetisches Ingenium. Als Rhetor und Pamphletist war er ein leidenschaftlicher Verfechter dessen, was man auf den unglücklichen Begriff »Konservative Revolution« getauft hat und was er selber als »Schöpferische Restauration« definierte: Nicht um Bewahrung oder Umwälzung ging es ihm, sondern um Bildung und Kultur als lebendige Geschichts- und politische Formkräfte. Von früh auf gesonnen und gerüstet, der eigenen Zeit aus seiner exzentrischen Position Widerpart zu bieten (als gälte es, die immer reißender fortziehende Bahn in den Untergang noch einmal umzubiegen), hat Borchardt ein im Vollendeten wie in Entwürfen gleichermaßen vielschichtiges Werk geschaffen, das heute weit davon entfernt ist, nach seinem künstlerischen Rang erkannt, geschätzt und geliebt zu werden. Niemals ein leichtes, obwohl teilweise doch leicht zugängliches, vielmehr anspruchsvolles Werk, aus Widersprüchen errungen, herrisch und vermessen bisweilen, den Zeitgenossen nicht selten ein Ärgernis.
- Am 10. Januar 1945 starb Rudolf Borchardt 67jährig in dem Tiroler Dorf Trins am Brenner, wohin er Ende 1944 mit seiner Familie aus Italien geflohen war. Alle Manuskripte Borchardts waren in Italien geblieben. Es gelang seiner Witwe Marie Luise Borchardt, den Nachlaß zu retten und zu sichern. Erst 1949 erhielt sie eine Reiseerlaubnis nach Italien, 1952 konnte der gesamte Bestand nach Deutschland geholt und damit ein privates Borchardt-Archiv in Bergen/ Obb. angelegt werden, dessen Bestände langsam um Verstreutes vermehrt wurden und die Grundlage für Veröffentlichungen nach dem Krieg bildeten. Verleger der Werke Rudolf Borchardts wurde Ernst Klett. 1955 erschien der erste Band der »Gesammelten Werke in Einzelbänden«: die »Reden«, herausgegeben von Marie, Luise Borchardt, Rudolf Alexander Schröder (dem ersten Präsidenten der Gesellschaft) und Silvio Rizzi. Die Gesammelten Werke umfassen sechs Prosabände, zwei Gedichtbände und je einen Band Dramen, Reden, Erzählungen, Übertragungen sowie »Der leidenschaftliche Gärtner« und »Dante Deutsch«, die große Übertragung und Nachschöpfung der »Divina Commedia«.
- Die Rudolf Borchardt-Gesellschaft wurde 1954 in Bremen auf Initiative von Rudolf Alexander Schröder und Marie Luise Borchardt begründet; seit Juni 1983 hat sie ihren Sitz in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, München. Sie bietet dem passionierten Kenner und Sammler ein Forum des weiterführenden Gesprächs und möchte Historikern und Kunsthistorikern, Altphilologen und Romanisten, Anglisten, Politikwissenschaftlern und Germanisten, deren Arbeitsgebiete Borchardts Schaffen berührt, die, Möglichkeit eines interdisziplinären Austauschs geben. Durch kritische Aneignung und verstärkte wissenschaftliche Beschäftigung soll die fundierte Auseinandersetzung mit diesem so voraussetzungsreichen Îuvre weiter gefördert werden. Ein besonders fruchtbares Verhältnis besteht zum Deutschen Literaturarchiv in Marbach; hier war bereits eine größere Anzahl Borchardt-Dokumente archiviert, und die Marbacher Institute standen bei der Vorbereitung der Werkausgaben stets hilfreich zur Seite. Zu Beginn des Jahres 1990 ging der Bergener Nachlaß Rudolf Borchardts in den Besitz des Deutschen Literaturarchivs über.
- Die Gesellschaft führt Arbeitstagungen durch und gibt eine eigene Schriftenreihe heraus. In den »Schriften der Borchardt-Gesellschaft« werden Materialien aus Borchardts Nachlaß sowie Aufsätze über Borchardt veröffentlicht.
- 1985 fand ein Symposion über Borchardt in Grosseto bei Pisa statt, an dem italienische und deutsche Philologen teilnahmen. Das deutlich gewachsene Interesse an Borchardt bei deutschen und italienischen Wissenschaftlern löste Überlegungen in der Gesellschaft aus, nun auch ihrerseits ähnliche Tagungen durchzuführen. So fand 1991 in München ein Colloquium zum Thema »Rudolf Borchardt und die Kunstgeschichte« statt. Des weiteren wendet sich die Gesellschaft anläßlich ihrer Mitgliederversammlungen mit Vortragsveranstaltungen an die Öffentlichkeit. 1995 fand im Literarischen Colloquium Berlin ein großes Symposion »Rudolf Borchardt und die Zeitgenossen« aus Anlaß des fünfzigsten Todestages statt.
| |