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In keiner Aufzählung der großen Namen christlicher Literatur dieses Jahrhunderts fehlt Reinhold Schneider. Doch der Name allein ist allzuoft nur mit vagen Vorstellungen verbunden, und in einer Zeit, in der Reinhold Schneider - von anderen christlichen Autorinnen und Autoren nicht zu reden - an Schulen und Universitäten so gut wie nicht mehr präsent ist, stellt sich die nüchterne Frage: zu Recht oder nur mangels besseren Wissens?

Die Reinhold-Schneider-Gesellschaft e. V. wurde 1970 gegründet, um wenigstens eines sicher-zustellen: stete, zuverlässige Information, Zugang zu den Quellen, Unterstützung der Forschung, Anregung der Pädagogik. Das andere ­ die Antwort nämlich, ob es sich denn lohne, heute noch Reinhold Schneider zu lesen - kann dann getrost den Multiplikatoren und Lesern anheimgegeben werden. Und die bisherige Geschichte des Engagements der Gesellschaft zeigt, daß die Antwort wohl »ja« lauten dürfte: Fernsehfilme, Rundfunksendungen, unterrichtsdidaktische Modelle tragen neben den regelmäßigen Kolloquien und Publikationen der Gesellschaft zu einer wachsenden Resonanz und Tiefenwirkung bei.

Während das Reinhold-Schneider-Archiv der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe den unveröffentlichten, umfangreichen Nachlaß aufarbeitet, publizieren verschiedene Verlage (Suhr-kamp, Insel, Herder, Präsenz, Brendow) seine Werke in immer neuen Editionen. Vor allem dem Hause Suhrkamp/Insel ist es zu danken, daß eine zehnbändige Werkausgabe vorliegt und zahlreiche Taschenbücher - zum ersten Ma1 auch als Taschenbuch sein wohl bis heute bekanntestes Werk »Las Casas vor Karl V.« (1938) ­ erscheinen. Mit diesen Editionen kann die Gesellschaft eines ihrer Hauptziele erreichen: Schneiders Werke gerade den jüngeren Lesern zugänglich zu machen, auf die es fast 37 Jahre nach seinem Tod ankommen wird, wenn christliche Literatur wieder mehr sein soll als das Reservat einiger weniger.

Wie es Reinhold Schneiders eigener Lebens-geschichte entspricht - der Sohn eines evangelischen Vaters und einer katholischen Mutter bekannte. sich als Mitdreißiger zum katholischen Glauben, pflegte aber intensive Freundschaften zu evangelischen Autoren wie Jochen Klepper und Bernt voll Heiseler und wollte gegen Ende seines Lebens noch eine Martin-Luther-Bibliographie schreiben -, arbeitet die Reinhold-Schneider-Gesel1schaft interkonfessionell. Dies zeigen nicht nur die Mitglieder oder die Zusammensetzung des Vorstands, sondern auch die Autoren wissenschaftlicher Forschungsbeiträge und die Grußworte evangelischer und katholischer Bischöfe zu den Jahrestagungen, die alle vier Jahre auch traditionell in Freiburg im Breisgau stattfinden, dem Ort, an dem Reinhold Schneider die letzten zwanzig Jahre seines Lebens verbrachte.

Schneider war, wie wenige christliche Schriftsteller, ein großer Europäer. Einige seiner wichtigster Werke sind Spanien, Portugal, Großbritannien und Frankreich gewidmet; mit russischen, skandinavischen, italienischen Themen hat er sich intensiv auseinandergesetzt. Dieses Europäische, das sich in Übersetzungen und anderen Formen der Rezeption niederschlägt, wird von der Reinhold-Schneider-Gesellschaft gerade im Bemühen um das neue Europa betont: Die geistige und kulturelle Leere, die sich angesichts der rein ökono-mischen und politischen Interessen bereits abzeichnet, kann nicht zuletzt auch mit dem Verweis auf Männer wie Reinhold Schneider gefüllt werden - einen Autor, den die Londoner BBC schon 1945 »die Stimme eines Rufers in der Wüste« nannte, und der 1956 in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhielt.

Jene, die Reinhold Schneider noch persönlich kannten, werden weniger. Ihnen ist zu verdan-ken, daß zahlreiche Initiativen zur Pflege auch sogenannter äußerer Dinge überhaupt in die Wege geleitet wurden - die Pflege des Grabes in Baden-Baden etwa, die Gedenkplatten an seinen Wohnhäusern in Freiburg, Mercystraße 2, und in Potsdam, Birkenstraße 1, und andere Dinge. Da um Reinhold Schneider nie literarischer Personenkult getrieben wurde - als er noch lebte, verhinderte das seine exemplarische Bescheidenheit und Selbstzurücknahme, nach seinem Tode wirkte der nüchterne Realitätssinn der Erben und Freunde, die manchen Versuch, ihn gewissermaßen »zur Ehre der Altäre« erheben zu lassen, korrigierten -, konnte man sich früh auf die bleibende Bedeutung der Person und des Werkes konzentrieren. Um so erfreulicher ist es nun, daß durch die Wiedervereinigung neue Kontakte, neue persönliche Beziehungen und neue Einsichten in den Menschen und sein Îuvre deutlich werden, die bisher nur zu ahnen waren.

Ohne Dresden, ohne Potsdam und andere Orte ist Reinhold Schneider nicht zu verstehen. Gerade Potsdam, der Ort, an dem sein literarischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Werken wie »Die: Hohenzollern«, »Das Inselreich«, »Las Gasas vor Karl V.« Ausdruck fand, steht neben Freiburg als eine der Hauptstätten seines Wirkens. Zu den Aufgaben der Reinhold-Schneider-Gesellschaft gehört es dementspre-chend auch, die wenigen, die in der DDR über Reinhold Schneider arbeiteten, zu unterstützen, und dein vielen, die noch von ihm wußten und ihn soweit wie möglich noch lasen, neuen Zugang zu den Werken zu ermöglichen. Schneider gehörte zu den herausragenden Stimmen, die nach 1945 für den Zusammenhalt der Teile Deutschlands schrieben und sprachen, ungeachtet der politischen und systemimmanenten Differenzen. Das brachte ihm jahrelang, in der jungen Bundesrepublik zumal, große Schwierigkeiten ein, bis hin zur Ächtung durch Kirche und Medien, ehe ihn Bundespräsident Theodor Heuss durch die Aufnahme in die neugegründete Friedensklasse des » Pour le Mérite« ehren ließ (1952) und seiner Stimme damit erneut Gewicht gab. In der DDR hatte man das Verbindende, das »Über-den-Fronten-Stehen« Reinhold Schneiders - auch das ja ein christliches Zeugnis - nicht vergessen. Vor diesem Hintergrund fand die erste Tagung der Reinhold-Schneider-Gesellschaft nach der Wende (Oktober 1990) denn auch in Potsdam statt; 1994 folgte eine Tagung in Dresden, und der Sächsischen Landesbibliothek wurde die »Sammlung Fricker« zur Schneider-Forschung übergeben.

Wer Information und Orientierung sucht, findet sie am schnellsten in den Mitteilungen der Reinhold-Schneider-Gesellschaft, den »Reinhold-Schneider-Blättern«, deren bisher 17 Bände auch die Entwicklungen der letzten Jahre sichtbar werden lassen.

Ist diese Publikation nicht zuletzt das Organ der Mitglieder der Gesellschaft, so steht doch stets das Interesse im Vordergrund, Reinhold Schneider allgemein zugänglich zu machen. Entsprechend sind die Jahrestagungen öffentliche Veranstaltungen. Auch dort ist zu spüren, was Schneider selbst einmal formulierte - ein Wort, mit dem das Insel-Bändchen »Reinhold Schnei-der - Lektüre für Minuten« beginnt: »Bücher sind nicht da, um zu sagen, was wir meinen oder gefunden haben. Sie sollen uns helfen zur Wahrheit hin - und ein Einspruch, selbst wenn er sich als unhaltbar erweist, ist höheren Wertes als eine Bestätigung, sofern er unser Verhältnis zur Wahrheit vertieft, befestigt, es durch die von uns geforderte Arbeit erneuert.«

Carsen Peter Thiede